Sie befinden sich hier: Startseite -> Sachstand 26.11.2007
Eine durch die Daten nicht bestätigte These ist, dass Ärzte und medizinisches Personal unter den hochqualifizierten Migranten überrepräsentiert sind. Die Ergebnisse zeigen, dass um das Jahr 2000 durchschnittlich 11 Prozent der beschäftigten Krankenpflegekräfte und 18 Prozent der beschäftigten Ärzte im OECD-Raum aus dem Ausland stammten. Diese Zahlen decken sich mit denen, die für hochqualifizierte Kräfte insgesamt zu beobachten sind. Allerdings besteht zwischen den Ländern hier eine erhebliche Varianz, die z.T. auf Unterschiede in der Zusammensetzung des Gesundheitspersonals sowie bei den historischen Migrationsmustern zurückzuführen sind. Der Prozentsatz der im Ausland geborenen Ärzte reicht z.B. von weniger als 5 Prozent in Japan bis zu über 30 Prozent in Irland, dem Vereinigten Königreich, Kanada, Australien und Neuseeland. Desgleichen liegt auch der Prozentsatz der im Ausland geborenen Krankenpflegekräfte in Australien, der Schweiz und Neuseeland über 20 Prozent. In absoluter Rechnung sind die Vereinigten Staaten gegenüber allen anderen Ländern das einzige Nettoaufnahmeland sowohl von Ärzten als auch von Krankenpflegekräften. In vielen OECD-Ländern leisten Migranten einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsversorgung, nicht allein auf Grund ihrer großen Zahl, sondern auch, weil sie zur Sicherung der Kontinuität der Leistungserbringung nachts oder am Wochenende sowie in unterversorgten Gebieten beitragen.
Einige Herkunftsländer, wie z.B. die Philippinen für Krankenpflegekräfte und Indien für Ärzte, spielen eine wichtige Rolle als Lieferanten von Gesundheitspersonal für OECD-Länder. Aber auch innerhalb des OECD-Raums ist eine hohe Mobilität dieser Berufsgruppen festzustellen, insbesondere aus Deutschland und dem Vereinigten König-reich. Zudem gibt es eine starke Süd-Süd-Migration von Gesundheitsfachkräften, vor allem von Afrika und Asien in den Nahen Osten und nach Südafrika. Besonders hohe Abwanderungsraten von Ärzten sind in den karibischen Staaten sowie einer Reihe afrikanischer Länder zu verzeichnen. In einigen Fällen bleiben nur vergleichsweise wenige Ärzte in diesen Ländern zurück, wodurch es schwierig wird, die medizinische Grundversorgung der Bevölkerung zu gewährleisten. In den großen Herkunftsländern, wie Indien und China, ist die Zahl der im Ausland tätigen Ärzte und Krankenpflegekräfte zwar hoch, im Verhältnis zum inländischen Angebot aber doch gering, so dass sich das zahlenmäßige Verhältnis Ärzte/Einwohner nicht stark verändert hat.
Das Kapitel zeigt auch, dass die Zahl der zugewanderten Gesundheitsfachkräfte in den OECD-Ländern laut den Schätzungen der WHO nur zur Deckung eines Bruchteils des Humankapitalbedarfs im Gesundheitssektor der Länder der unteren Einkommensgruppe ausreichen dürfte (z.B. rd. 12 Prozent in Afrika). Kurz gesagt würde ein Stopp der Abwanderung – sofern sich diese überhaupt stoppen ließe – das Problem des Personal-mangels nur lindern, allein aber nicht lösen.
Bislang gibt es nur in wenigen OECD-Ländern gezielte Anwerbeprogramme für Fachkräfte des Gesundheitssektors, und auch bilaterale Vereinbarungen spielen keine wichtige Rolle. Dennoch war in den letzten fünf Jahren bei der Zuwanderung von Gesundheitspersonal eine aufsteigende Tendenz zu verzeichnen, die sich mit den für hochqualifizierte Kräfte insgesamt zu beobachtenden Entwicklungen deckte. Zusätzlich zu der fortgesetzten Zuwanderung aus den wichtigsten Herkunftsländern (Indien, China, Philippinen) war auch eine Zunahme der Migration von Ärzten und sonstigem medizinischen Personal aus kleineren afrikanischen Staaten sowie aus Mittel- und Osteuropa zu verzeichnen.
Die OECD-Länder versuchen, die Fähigkeiten und Kompetenzen neu eingereister ausländischer Ärzte und Krankenpflegekräfte zu mobilisieren und zugleich hohe Standards für eine qualitätsvolle Leistungserbringung im Gesundheitswesen zu sichern. Eine zentrale Frage in diesem Zusammenhang ist die Anerkennung im Ausland erworbener medizinischer Qualifikationen von Gesundheitsfachkräften. Die OECD-Länder haben eine Vielzahl von Maßnahmen eingeführt, um dieses Problem zu lösen – darunter theoretische und praktische Prüfungen, Sprachtests sowie in den meisten Fällen Praktika unter der Aufsicht erprobter Fachkräfte –, einige Länder sind in diesem Bereich jedoch strenger als andere. Mehrere Länder haben auch Programme entwickelt, um im Ausland ausgebildete, bereits im Land lebende Ärzte und Krankenpflegekräfte, die inzwischen in anderen Bereichen tätig sind, wieder für den medizinischen Beruf zu gewinnen.
Die Tatsache, dass die internationale Migration bislang nur eine begrenzte Rolle in der gegenwärtigen Personalkrise im Gesundheitssektor der Entwicklungsländer gespielt hat, sollte die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft weder von diesem Problem ablenken noch ihr Engagement für eine bessere Gesundheitsversorgung für alle schwächen. Weil Gesundheit ein internationales öffentliches Gut ist, weil die Gesund-heitsziele der Millenniumserklärung wichtige Elemente der internationalen Solidarität sind und vor allem weil der Zugang zur Gesundheitsversorgung ein Grundrecht ist, müssen Herkunfts- und Aufnahmeländer zusammenarbeiten, um Ärzten und Kranken-pflegekräften die Chance zu geben, ihre Qualifikationen dort wirkungsvoll einzusetzen, wo sie am dringendsten gebraucht werden, und zugleich das Recht auf Freizügigkeit des Einzelnen zu wahren.
Auf die Herausforderungen der Migration von Ärzten und Krankenpflegekräften gibt es keine allgemein gültige Antwort, inzwischen steht jedoch Datenmaterial zur Verfügung, das eine genauere Diagnose dieser Problematik ermöglicht. Zudem wurde eine Reihe sinnvoller Politikvorschläge formuliert, um eine bessere Verteilung der Nutzeffekte der grenzüberschreitenden Mobilität von Gesundheitsfachkräften zu gewährleisten. Die Zunahme der auf den Gesundheitssektor entfallenden öffentlichen Entwicklungszusammenarbeit und die derzeitigen Anstrengungen der WHO im Hinblick auf die Ausarbeitung eines weltweit gültigen Verhaltenskodex für die Anwerbung von Gesundheitspersonal im Ausland sind Schritte in die richtige Richtung. Diese Aktionen müssen jedoch, in den Herkunfts- ebenso wie den Aufnahmeländern, durch Maßnahmen zur Erhöhung der Ausbildungskapazitäten im Inland, zur Verbesserung der Personal-bindung, zum Ausbau des Kompetenzspektrums und der koordinierten Pflege sowie zur Steigerung der Produktivität ergänzt werden.
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