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Presse-Kritik an Ehrenmord-Urteil

"Frankfurter Allgemeine Zeitung": Kein Kulturbonus bei Mord

Die "Ehrenmorde" sind in islamischen Ländern in Traditionen eingebettet, die - wie auch die Blutrache - um einen archaisch ausgelegten Ehrbegriff kreisen. Darin integriert ist ein Frauenbild, das die Frau weniger als selbständiges Wesen, sondern vielmehr als "die Ehre des Mannes" ansieht.

Durch abschreckende Strafen, aber auch durch Aufklärung muss man dieses spezielle Gewaltgeflecht, das heute hauptsächlich ein "islamisches" Phänomen ist, allmählich auflösen und zerstören. Mord bleibt Mord, einen mildernden multikulturellen Bonus kann es da nicht geben.

"Westdeutsche Zeitung": Deutsche haben zu oft weggesehen

In den vergangenen zehn Jahren sind in Deutschland 40 junge Frauen im Namen eines mittelalterlichen Ehrverständnisses gelyncht worden. Dass diese hässliche Seite der Parallelgesellschaft erst jetzt eine breite Aufmerksamkeit findet, muss uns beschämen. Denn Parallelgesellschaft bedeutet ja nicht nur, dass sich der eine Teil bewusst absondert, sondern dass die Mehrheit der Gesellschaft lieber nicht hin sehen mag, was sich an ihrem Rand vollzieht. Anders ist die Gelassenheit nicht zu erklären, mit der wir bisher über die Missachtung elementarer Frauenrechte in vielen türkischen Familien hinweg gesehen haben.

"Bild-Zeitung": Absurde Rechtsanwendung

Der Ehrenmord in Berlin: wieder ein Zeichen für gescheiterte Integration. Und das Urteil ein Beispiel für absurde Rechtsanwendung. Der Täter war zur Tatzeit 18 Jahre, also volljährig. Er konnte kaufen und verkaufen, wählen oder heiraten ohne Zustimmung der Eltern, mit voller Rechtskraft. Nur als er seine Schwester erschoss, war er plötzlich wieder Jugendlicher - bis zum 21. Lebensjahr gilt fast immer Jungendstrafrecht. Mit niedrigeren Höchststrafen und milderen Vollzugsregeln. Weil den jugendlichen Tätern angeblich die sittliche und geistige Reife fehlt, das Unrecht der Tat einzusehen. Der Täter hat seiner Schwester dreimal aus nächster Nähe ins Gesicht geschossen. Konnte er wirklich nicht einsehen, dass dies unrecht ist? Volljährige sind voll verantwortlich. Das sollte auch im Strafrecht gelten - und zwar ohne Ausnahme.

"Der Tagesspiegel": Resultat dummer Einwanderungspolitik

Die Ermordung Hatun Sürücü ist das Ergebnis einer Politik, die vor vierzig Jahren Arbeitskräfte nach Deutschland rief und auch analphabetische, religiös verbohrte und brutal patriarchalische Menschen kamen. Kluge Einwanderungspolitik sieht anders aus. Aber weil eben damals weder Einwanderung gewünscht war, noch es Konzepte für eine Integrationspolitik gab, leben jetzt Menschen unter uns, die in ihren Köpfen, mit ihren Werten immer noch in ihrer Heimat sind. Wer Integration ernst meint, muss deswegen Regeln setzen und durchsetzen für alle.

"Kölnische Rundschau": Zweifel an Gerichtsurteil

Heftige Reaktionen hat das Urteil im so genannten Ehrenmord-Prozess ausgelöst. Dass die beiden ältesten Brüder ohne Strafe davon kommen sollen, löst Empörung aus. Dafür gibt es Gründe, auch wenn natürlich jedermann klar ist, dass ein Freispruch zu erfolgen hat, wenn die Beweislage dünn ist. In diesem Fall aber vermischen sich Fakten und Vermutungen zu einer schwer ausdeutbaren Gemengelage. Denn Taten wie die, um die es hier ging, werden in der archaischen Lebenswelt ostanatolischer Großfamilien fast immer gemeinschaftlich geplant, vorbereitet und durchgeführt. Der Familienrat fällt das Todesurteil, der jüngste Sohn führt es aus. So ist es Unsitte. Verständlich also die Frage, warum es ausgerechnet hier anders gewesen sein soll.

"Leipziger Volkszeitung": Integration nur in Sonntagsreden

Die 23-Jährige wurde von der eigenen Familie hingerichtet, nur weil sie so leben wollte wie Millionen andere junge Frauen in dem Land, das ihr neues Zuhause war. Was wie eine Schauergeschichte aus dem Mittelalter klingt, ist mitten in Deutschland passiert. Und das Urteil fällt mild aus, weil es nur den jüngsten Bruder trifft. Ein freiheitliches und selbst bestimmtes Leben gehört zu den Grundwerten dieser Gesellschaft, die sie verteidigen muss - notfalls auch gegen den eigenen Familienclan. Archaisches Stammesdenken im Verbund mit patriarchalischer Anmaßung, Zwangsheirat und gar einem mörderischen Moralkodex dürfen nicht geduldet werden. Der so genannte Ehrenmord macht ebenso deutlich wie die Vorgänge an der Rütli-Schule: Die Entwicklung von Parallelgesellschaften wurde viel zu lange hingenommen, und Integration findet oft nur in Sonntagsreden statt.

(N24.de, Netzeitung)

Quelle: Externer Link N24.de, 15.04.2006

 

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