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Lernender in Sachen Zuwanderung

WASHINGTON. Der überzeugte Atlantiker Jürgen Rüttgers kommt auf seiner ersten großen Auslandsreise im Amt des Ministerpräsidenten als Lernender ins Einwanderland USA. Allein 2004 haben die USA fast eine Million Immigranten eingebürgert. Susan Martin vom Institut für Einwanderung erläutert in Washington den Unterschied zu NRW: "In der zweiten Generation sind die Zuwanderer keine Fremden mehr, sondern fühlen sich als Amerikaner."

Rüttgers, der die Themen Integration und Forschung ins Zentrum seiner fünftägigen Visite rückt, hält das Erlernen der Sprache für den wichtigsten Schritt der Integration. Wenn Zuwanderer in der dritten Generation die Sprache nicht beherrschen und ausländische Jugendliche große Bildungslücken aufweisen, muss Integration scheitern. "Frage einen Fremden nicht, woher er kommt, sondern wohin er geht", zitiert Rüttgers beim German Marshall Fund den jüdischen Denker Edmond Jabes. "Wir haben in Deutschland kein Zuwanderungsproblem, sondern ein Problem mit nicht integrierten Zuwanderern", klagt Rüttgers. Der Ministerpräsident sieht akuten Handlungsbedarf: In den NRW-Großstädten leben heute 20 Prozent ausländische Jugendliche. "In wenigen Jahren werden fast die Hälfte der Jugendlichen Zuwanderer sein."

Aber auch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten stoßen Einwanderer inzwischen immer häufiger auf Ablehnung. Professor Jackson James von der Denkfabrik "Think Tank" berichtet, dass US-Bürger nicht nur an der mexikanischen Grenze gegen den Strom der Zuwanderer zunehmend "auf die Barrikaden gehen". Die Amerikaner halten Einwanderung aus ihrer Tradition heraus im Grundsatz für richtig - mit der Angst um Arbeitsplätze und Wohlstand wachsen aber Spannungen.

Auch die USA haben den Stein der Weisen zur Integration nicht gefunden. Botschafter Wolfgang Ischinger merkt an, dass die USA junge Forscher aus Eigennutz schnell einbürgern. Wer Englisch spricht, den Eid auf die Verfassung ablegt und einen "guten moralischen Charakter" aufweist, wird Amerikaner. Andere bleiben oft chancenlos.

Rüttgers hält es für einen Fehler, dass zehn Jahre lang kein NRW-Ministerpräsident zum Staatsbesuch in den USA war. Künftig will er jedes Jahr zum Dialog dorthin reisen. "Das sind unbezahlbare Kontakte", betont Rüttgers. Schließlich ist NRW auch wirtschaftlich eng vernetzt mit der Weltmacht. 560 US-Firmen mit 170 000 Beschäftigten arbeiten an Rhein und Ruhr. Und nicht nur im Kraftwerksbau und beim Einsatz moderner Umwelttechnologie aus NRW eröffnen sich neue Chancen.

Treffen mit deutschen Wissenschaftlern

Beim Besuch des weltweit größten Forschungsinstituts, dem National Institutes of Health, trifft Rüttgers auf eigenen Wunsch 100 deutsche Wissenschaftler. Er wirbt dafür, dass die jungen Forscher ihre Zelte wieder in Deutschland aufschlagen und verspricht neue Möglichkeiten an NRW-Hochschulen.

Doch die Nachwuchs-Wissenschaftler beklagen die Nachteile des deutschen Hochschulbetriebs. Eine junge Forscherin aus München leitet in Washington mit 36 Jahren eine siebenköpfige Gruppe. "In den USA erhält man in jungen Jahren Verantwortung. Das wäre in Deutschland unmöglich", klagt die Biotechnologin. Andere Wissenschaftler kritisieren Altersbegrenzungen an deutschen Unis, Hemmnisse im "typisch deutschen Beamtenrecht", das Chefarztsystem, das gute Oberärzte ins Ausland treibe, und Mängel der klinischen Forschung. "Wir müssen mutiger werden und werden den Hochschulen mehr Freiheiten geben“, stimmt Rüttgers zu.

Derzeit arbeiten 5000 deutsche Wissenschaftler und 20 000 Hochschulabsolventen in den USA. Professor Thomas Krieg von der Uni Köln bricht eine Lanze für den Standort Deutschland. In Köln soll ein Max-Planck-Institut für Molekularbiologie des Alterns eingerichtet werden. NRW plant ein weiteres Max-Planck-Institut in Dortmund. Signale.

In den USA wird Rüttgers aber auf Schritt und Tritt bewusst, dass NRW erheblich aufholen muss. "Die USA setzen in Wissenschaft und Forschung weltweit Maßstäbe." Am National Institute of Health arbeiten in 27 Einrichtungen rund 17 000 Beschäftigte. In der imposanten Einrichtung werden jährlich allein sechs Milliarden Dollar für Krebs-Forschung und drei Milliarden gegen Aids investiert. Es dürfte für Rüttgers nicht leicht werden, die Neugier abgewanderter deutscher Forscher für NRW zu wecken.

VON WILFRIED GOEBELS

Quelle: Externer Link Kölnische Rundschau, 26.02.2006

 

 

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