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Vor allem in der Woche nach dem Mord an dem niederländischen islamkritischen Filmemacher Theo van Gogh und während der Feuernächte in den Banlieues von Paris im späten Sommer 2005 erfreute sich der Begriff der "Parallelgesellschaft" einer hohen Talk-Show-Aufmerksamkeit. An Präzision und analytischer Schärfe gewann er dadurch natürlich nicht. Dafür wurde die Metapher von der "Parallelgesellschaft" mehr und mehr zum Schreckensbild einer künftig terroristischen, jedenfalls antidemokratischen, zumindest jugendlich randalierenden Gefahr. Insofern sind intellektuelle Bedenklichkeiten gegen den reflexionsfreien Gebrauch der Kategorie „Parallelgesellschaft“ gewiss nicht rundum von der Hand zu weisen. Die Bezeichnung ist mittlerweile schillernd, ihre Trennschärfe gegenüber früheren Charakterisierungen wie Gegenkultur, Milieus, ethnische Kolonien bislang unzureichend. Und so weiter. Aber ein Thema der öffentlichen Debatte ist das, was hier als "Parallelgesellschaft" gilt, doch und wird es fraglos in den nächsten Jahrzehnten auch bleiben. Und Sozialwissenschaftler müssen sich solchen Auseinandersetzungen ja nicht immer mit einer schmallippigen Altklugheit entziehen, sondern sollten vielmehr durch eine höhere Differenzierungsfähigkeit und am Ende vielleicht auch durch eine neue, überzeugendere Begrifflichkeit auf sie einzuwirken versuchen. Denn natürlich existieren in einigen (groß)städtischen Wohnquartieren Europas hermetische, auch antipluralistische Lebenswelten, über deren Entwicklung und Auswirkungen auf die Demokratien die nationalen Öffentlichkeiten sich dringlich zu verständigen haben.
Versuchen wir einmal begriffspuritanisch, einen Kriterienkatalog zusammenzustellen, um die Existenz von "Parallelgesellschaften" schärfer zu erschließen. Folgende Strukturmerkmale sollten erkennbar sein: ethnisch-kulturelle oder kulturell-religiöse Homogenität einer Gruppe; lebensweltliche und freiwillige Abschließung; siedlungsräumliche Quartierverdichtung; Parallelisierung der mehrheitsgesellschaftlichen Institutionen. Einiges spricht überdies dafür, von "Parallelgesellschaft" erst dann zu sprechen, wenn ihre Prägung über einen langen Lebenszyklus reicht, gleichsam von der Wiege bis zur Bahre, mehr noch: wenn die Zugehörigkeit über mehrere Generationen gewissermaßen vererblich ist. Kurzum: "Parallelgesellschaften" begründen sich in einer ethnisch, sozial, weltanschaulich homogenen Gruppe, die sich von der Mehrheitsgesellschaft ausgegrenzt, stigmatisiert, benachteiligt fühlt. Doch kann sich eine Gruppe durch ihr fundamentalistisch abweichendes Ordnungsgerüst eigener Ideen und Ethiken auch selbst isolieren. "Parallelgesellschaften" haben ein autonomes System von Organisationen, Geselligkeiten, Versorgungseinrichtungen, mit deren Hilfe die einzelnen Mitglieder der Eigenkultur in einem tendenziell geschlossen Kreislauf quasi autark ihren Alltag meistern. "Parallelgesellschaften" leben aus starken Identitäten im Inneren und markanten Abgrenzungen nach außen. Dafür verfügen sie über ein Set von Ritualen, Symbolen, Codes. All das fußt auf einem kompakten Fundament stringenter, nicht selten gar fundamentalistischer Werte, Weltdeutungen, Orientierungen. Dass darin Gefahren für eine liberale Demokratie lauern, ist offensichtlich. "Parallelgesellschaften" kapseln sich ab. Sie verweigern oft die Kommunikation mit anderen Gruppen und Interpretationen, gelangen so zu einer selektiven Sichtweise des gesellschaftlichen Zusammenhangs. Sie setzten ihre eigenen Werte und Ziele absolut, neigen infolgedessen dazu – nicht immer, aber auch nicht selten – die Existenz des Anderen kompromisslos zu negieren, im gesteigerten Fall: militant zu bekämpfen. Demokratien aber brauchen ohne Zweifel eine Vorstellung von dem, was von allen Mitgliedern kollektiv geteilt und aktiv getragen wird, benötigen einen Sockel an gemeinsamen Vertrauen, Kooperationen und Solidaritäten. Sonst ist der gesellschaftliche Zusammenhalt der Demokratien gefährdet. Aus der Perspektive der Bewohner von "Parallelgesellschaften" fällt die Bilanz allerdings häufig genug erheblich besser aus. "Parallelgesellschaften" erleichtern ihren Mitgliedern den Wechsel in eine kulturell radikal anders geprägte Ordnung. Sie machen die sonst fällige Isolation erträglicher. "Parallelgesellschaften" sind ein Refugium, Schutzraum, Trostspender. Sie vergemeinschaften den Einzelnen, stellen so soziale Beziehungen her, wirken dadurch stabilisierend, im übrigen auch aktivierend. Ihre Kollektivität baut folglich Apathie und Resignation ab, reduziert die "negative Individualität" der Moderne.
Im übrigen kann man gerade aus der neueren deutschen, niederländischen oder auch schweizerischen Geschichte innergesellschaftlicher Sonderkulturen durchaus integrationistische Schlussfolgerungen ziehen, da insbesondere die katholischen, calvinistischen und sozialdemokratischen Parallelgesellschaften des 19. und frühen 20. Jahrhunderts fundamentalistische Aggressionen gedämpft und schließlich zur Eingliederung neuer, unverbrauchter Sozialkulturen und Aktivbürger in die Mehrheitsgesellschaft beigetragen haben. "Parallelgesellschaft" ist also nicht gleich "Parallelgesellschaft". Wenn ethnische oder kulturelle Konflikte, die zur eigenkulturellen Absonderung geführt haben, noch zusätzlich durch soziale oder ökonomische Spannungen durchwirkt werden, wenn die Angehörigen einer solchen Separatkultur überwiegend jung sind und sich blockiert fühlen, dann ist die fundamentalistische Energie aller Wahrscheinlichkeit nach außerordentlich groß. Existieren dagegen Brückenköpfe zur Mehrheitsgesellschaft, sind positiv erfahrene Berührungszonen – Sportvereinswesen, ein förderndes und durchlässiges Bildungssystem, Wahlrecht, übrigens auch: das Militär – im Alltag vorhanden, sind die Eliten der "Parallelgesellschaft" und der Mehrheitsgesellschaft dialogfähig, dann sind die integrativen Möglichkeiten hoch. Alles in allem: "Parallelgesellschaften" stellen keineswegs per se eine Bedrohung oder Belastung der pluralistischen Gesellschaft dar. Historisch betrachtet haben die meisten von ihnen, oft gegen ihre ursprüngliche Absicht, vielmehr eine beachtliche Vermittlungs und Stabilisierungsleistung hervorgebracht – je aufstiegsoffener, antihierarchischer, sozial fließender die herkömmliche Kerngesellschaft sich verhielt, desto stärker konnte dies gelingen.
von FRANZ WALTER
Franz Walter, geboren
1956, ist
Professor der Politikwissenschaft
an der Universität
Göttingen mit dem
Schwerpunkt Parteienforschung.
Quelle: Göttinger Tageblatt, 09.02.2006
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