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Andreas Kopietz
Für die Vietnamesen und Chinesen hieß das gelobte Land Großbritannien. Die Männer, Frauen und Kinder riskierten sogar ihr Leben, um dorthin zu gelangen. In Kühllastern, Kofferräumen und Containern waren sie wochenlang unterwegs - mit Zwischenstopp in Berlin. In ihren Heimatländern hatten die Leute jeweils bis zu 26 000 Euro an eine international agierende Schleuserbande gezahlt. Ein hoher Preis, für den die Schleuser den Reisewilligen eine garantierte Ankunft zusicherten, unabhängig von der Zahl der Versuche.
Am Donnerstag ließen Polizisten das Geschäft platzen: Bei einer Razzia durchsuchten 200 Beamte 23 Wohnungen und Geschäftsräume vor allem in Berlin sowie in Brandenburg und Bayern. Sie beschlagnahmten 53 000 Euro Bargeld. 21 Bandenmitglieder wurden festgenommen, neun sitzen in Untersuchungshaft. Alle sind Vietnamesen.
Die Bundespolizei - ehemals Bundesgrenzschutz genannt - kam der Bande auf die Spur. Anfang des Jahres hatte sie Vietnamesen dabei ertappt, wie sie Landsleute in Kühllastern von Polen nach Berlin schleusten. Die Ermittler stellten fest, dass sie es mit einer gewerbsmäßig vorgehenden Bande zu tun hatten, deren Bosse in Berlin saßen. Das Berliner Landeskriminalamt (LKA) gründete daraufhin die "Ermittlungsgruppe Eis". Gemeinsam mit der Bundespolizei wurden in den folgenden Monaten 100 geschleuste Personen ermittelt, von denen 70 festgenommen wurden. "Wir schätzen, dass die Organisation seit Herbst letzten Jahres etwa 500 Menschen aus dem vietnamesischen und chinesischen Raum nach Deutschland geschleust hat", sagte Kriminaldirektorin Heike Rudat vom Berliner LKA am Freitag.
Nach ihren Worten waren die Schleusungen zum Teil lebensgefährlich. So stoppten Polizisten im Sommer auf einer Brandenburger Autobahn einen Zement-Laster, in dessen Silo ein 50 Zentimeter großes Loch gesägt war. Heraus krochen vier Vietnamesen, die über die tschechische Grenze gebracht worden waren. Nirgendwo konnten sich die Geschleusten in dem Silo festhalten. Ohne weiteres hätten sie aus dem Einstiegsloch vor die Hinterachse stürzen können.
"Menschen sind für die Schleuser reine Ware", sagte Heike Rudat. "Sie wird zwischengelagert und dann weiterverschoben." Nach Erkenntnissen ihrer Ermittler war Berlin für die vietnamesischen Schleuser vor allem ein Verteilungsort für diese Menschenware - ein Umschlagplatz. Die geschleusten Chinesen und Vietnamesen waren über Russland und Osteuropa hierhergeschleust worden. In anonymen Plattenbauten im Osten der Stadt, wo viele Vietnamesen leben, hatten die Täter Wohnungen angemietet, um ihre Ware "zwischenzubunkern", bis ein neuer Transport, etwa nach Frankreich, startete. Bis zu 15 Menschen wurden, meist ohne Verpflegung, in Zwei-Zimmer-Wohnungen gepfercht. Der Weg nach Großbritannien verlief meist über Paris und Calais. Dort wurden die Geschleusten von einer irakisch - türkischen Bande übernommen und zum großen Teil per Lkw durch den Eurotunnel ins englische Dover gebracht.
Diese Abläufe sind jetzt ein wenig gestört worden, denn auch französische Behörden sind in die Ermittlungen einbezogen und planen weitere Festnahmen. Dennoch haben die Ermittler keine Illusionen. Sie wissen, dass sich Menschenhändler schnell neu organisieren. Heike Rudat: "Wir haben die Spitze eines Eisberges gekappt."
Quelle:
Berliner Zeitung, 12.11.2005
500 000 Menschen werden nach Polizeischätzungen jährlich nach Deutschland geschleust. Deutschland ist Ziel- und Transitland. Menschenhandel ist eines der lukrativsten Geschäfte der organisierten Kriminalität. Er wird von internationalen Banden organisiert.
Die Bandenmitglieder teilen sich die Arbeit auf. So organisieren "Residenten" in den Zielstädten Ankunft und Weiterfahrt der Geschleusten, während andere Autos besorgen. Den großen "Paten" gibt es nicht, was die Arbeit der Polizei erschwert. Wenn eine Organisation wegfällt, vernetzen sich die anderen neu.
Vietnamesische Schleuser haben sich auf Menschen aus Vietnam und China spezialisiert. Ein Teil der Geschleusten will nach Italien und Norwegen weiter, weil sie glauben, dass man dort gut Geld verdienen könne, wie Polizisten immer wieder zur Begründung hören. Die meisten aber wollen nach Großbritannien, weil dort bereits viele Asiaten leben.
Eine Schleusung von Vietnam nach Großbritannien dauert zwischen sieben Tagen und mehreren Wochen. Die Wege von einer Station zur nächsten werden oft spontan organisiert. Mitunter geht es erst weiter, wenn ein Auto beschafft ist oder genug Leute für einen Transport zusammen sind. In der Zwischenzeit werden die Menschen versteckt.
Bezahlen lassen sich die Schleuser in den Heimatländern der Ausreisewilligen. Das Entgelt liegt zwischen 7 000 und 26 000 Euro pro Person.
LKA und die Bundespolizei haben eine "Gemeinsame Ermittlungsgruppe Schleusung". Um die Vietnamesen zu fassen, gründeten sie zudem die "EG Eis". Sie arbeiteten auch mit dem BKA und den Nachbarländern zusammen.
Quelle:
Berliner Zeitung, 12.11.2005
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