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Marcus Hammerschmitt 23.10.2005
Wächst auch in Deutschland unter den Muslimen die Bereitschaft zum offenen Kampf gegen die Mehrheitsgesellschaft?
Nach Berichten des Politmagazins "report Mainz" sind auf einer islamistischen Website massive Drohungen gegen den islamkritischen Orientalisten Hans Peter Raddatz ausgesprochen worden. Ist damit die islamistische Gewalt nach Deutschland gekommen?
Gegenfrage: War sie nicht schon längst hier? Gibt es nicht schon länger auch hierzulande so genannte Ehrenmorde, sind nicht in verschiedenen deutschen Städten islamistische Terrorzellen aktiv gewesen, um Attentate im Ausland zu planen, haben sich nicht zum Islam bekehrte Deutsche im Ausland als islamistische Gotteskrieger betätigt, und wurde nicht erst kürzlich ein Server in Düsseldorf entdeckt, der in türkischer Sprache munter die Medienoffensive der Al Qaida unterstützte?
Die Frage wäre also angesichts des Ist-Zustandes nicht etwa lauten, ob "es" jetzt passiert ist, sondern eher, was denn nun schon wieder los ist. Das kann man recht einfach und nüchtern so beschreiben: der Orientalist Klaus Peter Raddatz hat einige Dinge gesagt und geschrieben, die einer bestimmten Fraktion der Muslime hier in Deutschland nicht gefallen, und auf der einschlägig bekannten Seite Muslim-Markt rief dann diese Sorte Muslime den Zorn ihres Gottes auf das Haupt von Klaus Peter Raddatz herab. Dort stand bis vor kurzem zu lesen:
Zwar meint Jochen Bittner in einem Blogeintrag bei der ZEIT, der Text sei inzwischen gelöscht worden. Im Internet-Forum der Muslim Markt-Macher bei dem Provider Parsymony ist er aber immer noch in leicht veränderter Form nachzulesen. Der Name Raddatz wurde durch "XXX" ersetzt, der ganze Passus ist eingebettet in eine Erklärung zur Löschung des Originalbeitrags (Stand 22.10.05).
Die benutzten Formulierungen sind nach "report Mainz" von Islamkundlern als Todesdrohung verstanden worden, so zum Beispiel von Prof. Ursula Spuler-Stegemann (Universität Marburg) und Prof. Tilman Nagel (Universität Göttingen). Jochen Bittner weiß zu berichten, das BKA sehe in dem Text keinen Mordaufruf. Warum Raddatz dann allerdings unter Personenschutz steht, ist schwer zu verstehen.
Wie auch immer - was an H. P. Raddatz hat nun die besagte Moslemfraktion dazu gebracht, in einen Ton zu verfallen, der für einige Beobachter nach Mordhetze riecht? Herr Raddatz sagt zum Beispiel: Frauen werden im Islam massiv unterdrückt. Die Türkei ist nicht wirklich laizistisch, demokratische Standards sind dort weitgehend Theorie. Ein wörtlich genommener Islam ist mit jeder sinnvollen Vorstellung von Demokratie unvereinbar. Der politische Islam in Deutschland hat eine antidemokratische Agenda, die hinter Lippenbekenntnissen zu Demokratie und Rechtsstaat verborgen wird.
Nun gibt es ja einiges an Herrn Raddatz zu kritisieren. Hinter der schleichenden Islamisierung Europas scheint ihm irgendwie auch die USA zu stecken. Genehm vergisst er, dass wilhelminische Beamte und Militärs im ersten Weltkrieg mal eben den Dschihad miterfanden, als sie den Islam gegen die feindlichen Alliierten in Stellung bringen wollten.
Was die deutsch-türkischen Beziehungen angeht, bleibt festzuhalten, dass die Anwesenheit von 2 bis 2,5 Millionen Türken in Deutschland auf den Wunsch des deutschen Kapitals in der Nachkriegszeit zurückgeht, möglichst billige Industriearbeiter nach Deutschland zu locken und aus ihnen herauszuholen, was herauszuholen war - teilweise unter Bedingungen, die jeder Beschreibung spotten. Dass das Konsequenzen für die Beziehungen der beiden Länder und ihrer Mehrheitskulturen haben musste, liegt auf der Hand. Auch scheint Hans Peter Raddatz am Christentum nur zu stören, dass es in letzter Zeit dem Islam zu sehr entgegenkommt.
Woher diese erstaunliche Kompatibilität stammt, will er anscheinend nicht wissen, prinzipielle Religionskritik ist von ihm nicht zu erwarten. Insgesamt kann man bei ihm eine Tendenz zur Pauschalisierung feststellen, die ihn beim Thema Zuwanderung die feine Linie zwischen zugespitzter Argumentation und mehr oder minder geschickt verbalisierter Xenophobie ** bisweilen überschreiten lässt. Aber all das ist es ja nicht, was die Islamisten an Raddatz stört. Vielmehr reizt sie, dass hier jemand den Islam grundsätzlich kritisiert und ihm Modernisierungs- und Demokratiefähigkeit rundweg abspricht. Dass er der uninformierten "Toleranz", die eigentlich eine Form von geistiger Trägheit ist, ein deutliches "So nicht!" entgegenhält. Und wenn man das nicht mehr tun kann, wenn die Thesen von Raddatz nicht mehr frei diskutierbar sind, weil sie mit zweideutigen Drohungen aus dem islamistischen Lager beantwortet werden, dann haben wir hier ein Problem, das ernst genommen werden muss.
Ob der Islam so interpretiert werden kann, wie die Islamisten verschiedenster Art das tun, oder ob er nicht sogar so verstanden werden muss, ob die Koranzitate von Raddatz herausgerissen und verfälscht sind, wie seine Gegner behaupten, ob nicht er der wahre Hetzer ist, wie sie meinen, davon sollte sich vielleicht jeder selbst ein Bild machen, und der Suhrkamp Verlag schickt sich an, dabei zu helfen: Bald soll dort eine aktuelle Neuübersetzung des Korans herauskommen. Lektüre tut not.
Quelle:
TELEPOLIS , 23.10.2005
** Xenophobie
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