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von Christiane Buck
Brüssel - Deutschland hat in Europa die meisten Einwanderer aus dem Mittelmeerraum aufgenommen. 2,15 Millionen Menschen stammen in Deutschland vor allem aus der Türkei, Marokko und dem Libanon. Das ergab eine Studie der EU-finanzierten Forschungsstelle Carim, die gestern in Brüssel veröffentlicht wurde.
Die Studie belegt indes auch, daß der Strom gutausgebildeter Zuwanderer an Europa vorbeigeht: 54 Prozent der Migranten, die einen Hochschulabschluß haben, gehen in die USA oder nach Kanada. Dies sei der Einwanderungspolitik der nordamerikanischen Länder zuzuschreiben. 87 Prozent der Einwanderer in die EU sind demnach schlecht oder gar nicht ausgebildet.
Aus den Untersuchungen geht auch hervor, daß die Mittelmeeranrainer der EU neuerdings die stärkste Anziehung auf diese Einwanderer ausüben. EU-Justizkommissar Franco Frattini sieht die Studie als Grundlage künftiger Verhandlungen über den Umgang mit Immigranten.
Nach den Ergebnissen der Studie leben insgesamt 5,8 Millionen Einwanderer aus den Mittelmeeranrainern und Nahost in der Europäischen Union. Deutschland und Frankreich zusammen nehmen drei Viertel von ihnen auf, Deutschland allein 37 Prozent. Weit abgeschlagen auf den hinteren Plätzen folgen als Aufnahmeländer die Niederlande, Spanien und Italien. Nach Herkunftsländern betrachtet, führen Einwanderer aus der Türkei (2,65 Mio.), Marokko (1,63 Mio.) und Algerien (0,76 Mio.) die Rangliste an. Von den 2,05 Miillionen Türken, die in Deutschland leben, seien nur 1,2 Millionen Einwanderer der ersten Generation, berichtet die EU-Studie. Die Studie kommt zu dem Schluß, daß der Strom der Einwanderer aus der Türkei zwar noch nicht abreiße, aber viel dünner sei als früher.
Europa ist die begehrteste Destination für Auswanderer aus Nordafrika und dem Nahen Osten. An zweiter Stelle kommen die reichen Golfstaaten auf der Arabischen Halbinsel und Libyen. In vier der zehn untersuchten Herkunftsländer leben über 2,5 Millionen Bürger außerhalb ihrer Heimat: in Palästina, der Türkei, Marokko und Ägypten. Einwanderungsziele in Afrika und dem Nahen Osten gibt es hingegen nur wenige.
Quelle:
DIE_WELT.de, 19.10.2005
Stefanie Bolzen
Vorsicht vor Mißbrauch ist geboten, wenn neue Zahlen zum Thema Zuwanderung öffentlich werden - besonders in diesen Tagen, da die Flüchtlingsstürme in Ceuta und Melilla ein Topthema auf allen Kanälen sind. Zwar belegt die jetzt vorgestellte Studie der EU-Kommission zur Migration im Mittelmeerraum, daß drei Viertel der Zuwanderer Deutschland oder Frankreich ihre neue Heimat nennen respektive nennen wollen. Doch gehören die mehr als zwei Millionen Menschen - in ihrer überwältigenden Mehrzahl Türken - in Wirklichkeit einer "alten" Zuwanderergeneration an.
Tatsächlich lag die Zahl der Asylanträge türkischer Staatsangehöriger 2004 bei rund 4100, im Jahr zuvor bei knapp 6000. Frankreich beispielsweise verzeichnete demgegenüber zwischen 1993 und 2004 mehr als 430 000 Asylanträge marokkanischer Staatsbürger. In Spanien nahm die Zahl der Asylsuchenden aus Marokko in diesem Zeitraum um 16,9 Prozent zu - in Deutschland hingegen nur um 1,6 Prozent. Massive Migrationsströme richten sich mithin nicht mehr auf den Norden, sondern den Süden der Union.
Vorausschau sollte in der Migrationsdebatte indes allererste Priorität sein. Denn wie die EU-Studie auch zeigt, liegt das Manko der Migration nicht in der Quantität, sondern der Qualität: 54 Prozent der Migranten aus dem Mittelmeerraum, die einen Hochschulabschluß haben, gehen in die USA oder nach Kanada. Auch Großbritannien kann sich rühmen, daß zwei Drittel seiner Zuwanderer hoch ausgebildet sind. Bei den schlecht oder gar nicht ausgebildeten Zuwanderern liegt Deutschland hingegen unangefochten an der Spitze; nur zehn Prozent gehören zu den gutausgebildeten Kräften. In der Europäischen Union insgesamt sind 87 Prozent der Zuwanderer schlecht oder gar nicht ausgebildet.
Daß Europa (hochwertige) Zuwanderung braucht, das hat im übrigen auch der jüngste Migrationsbericht der Vereinten Nationen gezeigt: In den neunziger Jahren machten Zuwanderer 89 Prozent des Bevölkerungswachstums aus. Zugleich sind sie ein enorm wichtiger Wirtschaftsfaktor für ihre Herkunftsländer: Die Gelder, die Migranten Jahr für Jahr ihren Familien in der Heimat zukommen lassen, machen das Dreifache der weltweiten Entwicklungshilfe aus.
Stefanie Bolzen
Quelle:
DIE_WELT.de, 19.10.2005
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