Sie befinden sich hier: Startseite -> Zuwanderung u.a. -> Sachstand 05.10.2005
Hotelzimmer: Kontrolle durch Bezirk und Polizei. Osteuropäische Banden seit einer Woche wieder aktiv. Doch der Stadt fehlt Handhabe zum Eingreifen.
Von Christian Denso
Ein junger Mann ohne Beine auf dem Jungfernstieg, der auf einer Art Dreirad kauernd Passanten stumm um Almosen bittet. Nur einer von mehreren schwerbehinderten Bettlern, die jetzt wieder in der City zu sehen sind. Gut zwei Monate nach ihrem plötzlichen Verschwinden sind in der Innenstadt offensichtlich wieder Bettel-Banden aus dem Ostblock aktiv. Von skrupellosen Hintermännern nach Hamburg gebracht, müssen die Behinderten ihre Einnahmen fast komplett abliefern. Und werden drangsaliert, wenn sie Anweisungen nicht folgen, so die Vermutung. Wieder scheinen die Behörden machtlos zu sein.
Freitag, 8.30 Uhr. Polizeibeamte kommen mit einem Bauprüfer des Bezirksamts Mitte in ein Hotel an der Reeperbahn. Im Souterrain hausen erneut einige der Bettler. Der Mann ohne Beine, die Frau auf Krücken. Die Beamten wecken die Gäste, kontrollieren Ausweise. Es stinkt, die Menschen leben auf engstem Raum. Nach der Begehung verfügt der Bauprüfer: Die Nutzung dieser Zimmer zur Vermietung ist untersagt. Die Bettler sollen in bessere Räume umziehen. Viel mehr, hieß es im Bezirksamt, sei nicht möglich.
Vor einer Woche hat die Polizei die Rückkehr der Bettler, die im Juni für Empörung gesorgt hatten, registriert. "Betteln ist nicht verboten", heißt es auch jetzt. Dennoch suchen die Beamten nach Möglichkeiten, zu ermitteln. Nach Abendblatt-Informationen laufen vier Verfahren. Die Beschuldigten, die über Touristenvisa verfügen, sollen gegen Ausländerrecht verstoßen haben - indem sie zu schnell wieder nach Deutschland einreisten. Vorwürfe, die die Hintermänner nicht gerade einschüchtern dürften. "Sonst haben wir bislang nichts in der Hand", so ein Fahnder. Gerichtsfeste Beweise für eine strafbare Ausbeutung der Arbeitskraft oder gar Menschenhandel? Fehlanzeige. Die Ermittler können kaum in die augenscheinlich straff organisierten Clans vordringen. Die eigentlichen Opfer, die behinderten Bettler, sagen nicht aus - ein Phänomen, das Fahnder etwa aus Prostitutionsverfahren kennen. Gegen einen der Hintermänner wurde zumindest Haftbefehl erwirkt. Er ist derzeit aber im Ausland. Innensenator Udo Nagel (parteilos) macht jetzt Druck, verlangt in der nächsten Woche einen Bericht über den Sachverhalt - und mögliche Maßnahmen.
Einige Fahnder teilen bereits die Sicht von "Hinz & Kunzt"-Chefredakteurin Birgit Müller: "Manche Behinderte haben in ihren Heimatländern so wenig Perspektiven, daß es ihnen materiell sogar unter diesen miserablen Umständen besser geht."
Quelle:
Hamburger Abendblatt, 01.10.2005
![]()