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Von Michael Mielke
Berlin - Mit einem unerwarteten Geständnis hat in Berlin der Prozeß um den "Ehrenmord" an der jungen Deutsch-Türkin Hatun Sürücü begonnen. Der jüngste ihrer drei angeklagten Brüder gab am Mittwoch zu, seine Schwester mit Kopfschüssen getötet zu haben. Er habe ihren Lebensstil mißbilligt, die Tat bereue er, ließ der 19jährige über seinen Verteidiger erklären. Gleichzeitig entlastete er seine beiden älteren Brüder.
Ayhan Sürücü, der am 7. Februar in Tempelhof seine Schwester Hatun erschoß, droht nun auch noch zum Helden zu werden. Der 19jährige hat gestern im Moabiter Kriminalgericht alles auf sich genommen. Die Taktik, sollte es eine sein, ist nicht neu: Eine Familie, welcher Kultur auch immer, beschließt gemeinsam ein Verbrechen, und der Jüngste, der am wenigsten bestraft werden kann, meldet sich am Ende als Täter. Das zeigt schon nach dem ersten Prozeßtag, wie schwer es wird, diesen Fall wirklich aufzuklären. Und wie unmöglich es ist, die eigentliche Problematik auch nur halbwegs zu beleuchten.
Wir leben in einer Stadt, aber oft, so scheint es, auch in verschiedenen Jahrhunderten. Zwangsheiraten sind an der Tagesordnung. Gleichzeitig werden junge Türkinnen und Kurdinnen zunehmend selbstbewußter. Das führt jedoch nicht zu einer Liberalisierung. Nach Meinung von Experten werden die Spannungen in diesen Familien mit vermeintlich Abtrünnigen sogar größer und die Reaktionen zunehmend konsequenter.
Es wäre zu kurz gesprungen, Ursachen für dieses archaisch anmutende Verhalten nur in Integrationsproblemen zu suchen; in einer angeblich latenten Ausländerfeindlichkeit oder dem unzureichenden Angebot an Ausbildung- und Arbeitsplätzen. Integrationsprobleme haben meist auch etwas mit mangelnden Sprachkenntnissen zu tun und der Weigerung, sich überhaupt einfügen zu wollen. Gehen junge Frauen dann ihrer eigenen Weg und bestehen darauf, sich selber einen Partner zu suchen, ist dieser Schritt zur Emanzipation nicht selten mit dem Bruch der auf Traditionen beharrenden Familie verbunden, mit Anfeindungen, körperlichen Attacken oder gar noch Schlimmerem wie im Fall von Hatun.
Diese jungen Frauen müssen geschützt werden. Es ist sicher ein erster richtiger Schritt, Zwangsehen einen gesetzlichen Riegel vorzuschieben und, wie es der Bundesrat vorsieht, kuppelnde Angehörige künftig mit Haftstrafen von sechs Monaten bis zu zehn Jahren zu bedrohen. Das Problem ist damit jedoch nicht aus der Welt geschaffen. Der Ansatz muß früher beginnen. Wie in der Thomas-Morus-Oberschule in Neukölln, wo Achtkläßler die Ermordung Hatun Sürücüs mit der Erklärung billigten, sie habe gelebt wie eine Deutsche. Inzwischen wird dort offen über diese Problematik diskutiert. Das ist ein Anfang. Auch Ayhan Sürücü, der vermeintliche Held, sollte in den Schulen jetzt ein Thema sein.
Quelle:
Berliner Morgenpost, 15.09.2005
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