Sie befinden sich hier: Startseite -> Zuwanderung u.a. -> Sachstand 05.07.2005
Von Hans H. Nibbrig
Sieben Angeklagte, 70 Zeugen, mehr als 100 Seiten Anklageschrift, über fünfzehn Meter aufgereihte Prozeßakten - das sind die Dimensionen des Prozesses, der am 06.07.2005 vor einer Großen Strafkammer am Landgericht Moabit beginnt. Es geht um Zwangsprostitution, Erpressung und Menschenhandel, um schmutzige Geschäfte und brutale Gewalt.
Die Angeklagten sollen nach Darstellung der Staatsanwaltschaft zwischen 1999 bis 2004 zahlreiche junge Frauen aus Lettland, Litauen, Rumänien, Bulgarien und der Ukraine mit falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt und hier durch massive Drohungen und teilweise schwere Mißhandlungen zur Prostitution gezwungen haben. Orte des Geschehens waren zwei Nachtclubs und mehrere Wohnungen in Moabit.
Das ganze Drama, im Rotlicht-Milieu der Hauptstadt eher traurige Normalität als spektakulärer Einzelfall, zeige, so formulierte es ein Ermittler, nicht nur die Menschenverachtung und Brutalität dieses Gewerbes. Es mache auch deutlich, so der Experte für Organisierte Kriminalität (OK), wie einfach es inzwischen sei, die Opfer einzuschleusen.
Wie diese Zeitung gestern berichtete, gehen mehrere Flüchtlingsinitiativen und Hilfsorganisationen davon aus, daß sich in Berlin zwischen 150 000 und 200 000 illegale Einwanderer aufhalten. Unter ihnen befinden sich nach Einschätzung der Polizei mehrere tausend zur Prostitution gezwungene, junge Frauen, vorwiegend aus Ost- und Südosteuropa. "Die hier bei uns einzuschleusen, ist ein Leichtes", kritisierte der OK-Fahnder.
Die Frauen, die in den beiden Nachtlokalen in Moabit arbeiten mußten, sollen, wie es aus Ermittlerkreisen hieß, vorwiegend über Touristen-Visa nach Deutschland gekommen und dann in die Illegalität abgetaucht sein. "Die für eine Visa-Erteilung erforderlichen Einladungen kamen von zwei Personen, bei denen jeder Konsulatsbeamte stutzig hätte werden müssen, wenn er sie denn überprüft hätte", erklärte ein Ermittler. Einer sei ganz offen als Nachtclub-Betreiber aufgetreten, der andere als Pornofilm-Produzent.
Auch die Unterbringung der Frauen sei problemlos gewesen. Bei der Anmietung der Wohnungen habe der Barbesitzer lapidar erklärt, diese seien für Verwandte seiner litauischen Freundin gedacht. Daß die Verwandtschaft ausschließlich aus jungen Frauen bestand, irritierte den Vermieter offensichtlich nicht.
Die Staatsanwaltschaft wollte sich unter Verweis auf den morgen beginnenden Prozeß zu dem Sachverhalt nicht äußern.
Quelle:
Berliner Morgenpost, 05.07.2005
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