Sie befinden sich hier: Startseite -> Zuwanderung u.a. -> Sachstand 03/2005
LEITARTIKEL: ISLAM
ELISABETH ZOLL
Ein neues Reizwort geistert durch die Debatten über das Zusammenleben von Deutschen und Zugezogenen: Parallelgesellschaft. Es beschreibt das beziehungslose Nebeneinander von Deutschen und den hier lebenden Minderheiten, vor allem aus islamisch geprägten Ländern. Rund 3,2 Millionen Muslime aus 40 Nationen leben in Deutschland; viele seit Jahrzehnten. Die größte Gruppe kommt aus der Türkei. Ein Beziehungsgeflecht ist in all der Zeit nicht entstanden.
Über Kontakte direkt am Arbeitsplatz, manchmal an Schulen, hin und wieder noch in Jugendtreffs ist das Miteinander nicht hinaus gekommen. Man ist sich fremd geblieben - nicht nur in Großstädten, wo Mietpreise dafür sorgen, dass die Ausländer, die heute oftmals Deutsche sind, in den schlechten Wohngegenden unter sich bleiben.
In der Abgrenzung haben sich beide Seiten gut eingerichtet. Das Wirtschaftswachstum vergangener Jahrzehnte hat dafür gesorgt, dass sich zunächst niemand als Verlierer fühlen musste. Zudem glaubten die meisten Zuwanderer noch an eine Rückkehr in das Heimatland, spätestens im Ruhestand. Warum also sollte man die Sprache richtig lernen? Warum offen sein für Kontakte? Und: Warum sich vorurteilsfrei auseinandersetzen mit der Kultur, der Religion und den Werten der jeweils Anderen? Mit dem Koran begründete Traditionen und Verhaltensweisen treffen in Deutschland auf ein säkulares, oftmals post-christliches Umfeld. Das zementiert nicht nur die Distanz, das schafft auf deutscher Seite auch Gleichgültigkeit gegenüber Auswüchsen, die mit den Werten des Grundgesetzes nicht zu vereinbaren sind.
Verbindendes über die Religionsgrenzen hinweg wurde so erst gar nicht aufgedeckt, Probleme, die mit unterschiedlichen Wertesystemen begründet werden, wurden totgeschwiegen. Der Mord an der Berliner Türkin Hatun Sürücü ist nicht der erste Ehrenmord, der sich ereignet hat. Frauenorganisationen wie Terre des Femmes haben immer wieder darauf hingewiesen. Gehört wurden sie zu wenig. Auch dass junge Mädchen in Deutschland grausam beschnitten werden, ist kein Geheimnis mehr. Ebenso wenig die Zwangsheiraten. Auch viele, die heute nach einer Verpflichtung der Zugezogenen auf das Grundgesetz rufen, haben bislang zu solchen Übergriffen geschwiegen. Sie wollten die Minderheiten nicht als anerkannten Teil dieser Gesellschaft sehen - mit allen Pflichten, aber auch mit allen Rechten.
Doch aus Wegsehen und Ignorieren kann nichts Gutes erwachsen. Das hat zuletzt auch der Mord an dem niederländischen Regisseur Theo van Gogh gezeigt. Islamischer Fundamentalismus wird heute nicht mehr nur von außen in die europäischen Länder getragen. Er wächst mit auf in Familien, die nach jahrelangem Aufenthalt hier nicht wirklich angekommen sind.
In der Schwerpunktreihe "Muslime in Deutschland" wollen wir in den kommenden Wochen einen Einblick in die vielfältigen Lebensweisen hierzulande geben. Wir wollen aufzeigen, wo religiös bedingte Unterschiede zu Konflikten führen können und darstellen, wo längst Verbindendes zwischen Muslimen und Christen besteht. Nur mit einer differenzierten und vorurteilsfreien Wahrnehmung des jeweils Anderen kann ein gutes Miteinander überhaupt erst entstehen.
Quelle: Schwäbische Post, 24.03.2005
![]()