Sie befinden sich hier: Startseite -> Zuwanderung u.a. -> Sachstand 20.02.2005

Erschossen, weil sie Hosen tragen wollte

von Boris Kalnoky

Wer der türkischen Regierung zuhört, der kann den Eindruck gewinnen, es gebe immer weniger sogenannte "Ehrenmorde" an Frauen. Wer die Nachrichten verfolgt, sieht ein anderes Bild.

So wurden an einem einzigen Tag im Januar vier Frauen von ihren männlichen Verwandten umgebracht. Elma S. in Bursa, Kadriye A. in Sanliurfa, Ayfer C. in Adana und Kadriye U. in Gaziantep erregten das Mißfallen ihrer, je nach Fall, Schwäger, Brüder, Onkel und Ehemänner, und mußten deswegen sterben.

Ehrenmord nennen die Türken das. Was die Ehre der Männer so empfindlich verletzt, muß dabei keineswegs "unmoralisches" Verhalten wie Ehebruch oder Sex vor der Ehe sein. Auch wenn eine Frau vergewaltigt wird, ist die Ehre der Familie verletzt, und es ist das Opfer, das sterben muß, nicht der Vergewaltiger. Selbst die Kleiderwahl kann tödlich sein: Am 10. Januar erschoß in Batman ein 27jähriger seine 17jährige Schwester, weil sie Hosen anziehen wollte. Dann warf er die Leiche aus dem Fenster, um einen Selbstmord vorzutäuschen.

Solche Verbrechen sind in der ganzen Türkei verbreitet, bei der kurdischen Bevölkerung ebenso wie bei den Türken. Im kurdischen Südosten des Landes überwiegt oft noch eine Stammeskultur, die frauenfeindliche Elemente des Islam noch verstärkt. Mit der großen Reform des Strafgesetzbuchs im September 2004 hat die Regierung - auf Druck der EU - strengere Strafen für Ehrenmorde festgeschrieben. Vor allem fehlt im neuen Gesetz der frühere Hinweis auf "ungerechte Provokation" - ein Passus, der von Richtern oft so interpretiert wurde, daß die Frau den Täter provoziert habe und somit Schuld am eigenen Tod trage. Entsprechend wurde das Strafmaß der Täter oft reduziert.

In der Praxis muß sich erst noch zeigen, inwieweit die neuen Regeln umgesetzt werden und wenn ja, ob das dann auch zu einem Rückgang des Mordens führt. Hilfreicher sind bisher die Bemühungen örtlicher Frauenorganisationen. Mit öffentlichen Aktionen versuchen sie, das Bewußtsein der Gesellschaft zu ändern. Und sie retten jedes Jahr Hunderte bedrohte Frauen, verstecken sie vor ihren Familien, versuchen, gewaltlose Lösungen herbeizuführen. Ohne solche Gruppen, wie etwa "Kurdische Frauen gegen Ehrenmorde", wäre die jährliche Zahl der Opfer wohl gut doppelt so hoch.

Quelle: Externer Link DieWelt.de, 19.02.2005

 

 

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