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INTEGRATION / Berlins Bezirksbürgermeister bewertet Multikulti als gescheitert

Der Zuspitzer von Neukölln

Mit drastischen Beispielen kämpft Heinz Buschkowsky für eine andere Politik

Heinz Buschkowsky, Bürgermeister in Berlins Problembezirk Neukölln, ist auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Seit dem Van-Gogh-Attentat will jeder hören, was der SPD-Mann zur Integration denkt. Er ist plakativ, er polemisiert, und er sammelt seitenlange Dankesschreiben.

NICOLE REUSS

Daumendick ist das Dossier, das Heinz Buschkowsky hat anlegen lassen. Titel: "Pressematerial zur Integrationsdebatte Neukölln". Mittendrin - mit einem roten Blatt markiert - eine Kopie aus dem "Tagesspiegel". Dieser titelte Mitte November: "Neuköllns Bürgermeister: Multikulti ist gescheitert". Der will das so zwar nicht gesagt haben, hat es aber so gemeint. Und es seither unzählige Male wiederholt. Jetzt hat Buschkowskys Arbeitstag 14, 15 Stunden. Journalisten geben sich im Rathaus die Klinke in die Hand.

Gerade eben hat er eine Redakteurin aus Oslo empfangen. Europa diskutiert über Integration. Und der 56-Jährige mit. Denn was in Neukölln Türken und Araber, seien in Berlin-Marzahn Russen, in Sankt Petersberg Aserbaidschaner, in Oslo Pakistaner und in Rotterdam Marokkaner, sagt Buschkowsky. Überall sei es schwer, Minderheiten in die Mehrheitsgesellschaft einzugliedern. Buschkowsky, der den Rummel sichtlich genießt, macht ausladende Gesten, erklärt, dass das Dossier zeigen soll, dass er den Mord an dem niederländischen Regisseur Theo van Gogh nicht als PR-Kampagne nutzt. Dass er schon lange vor "Multikulti-Träumen" gewarnt hat. Jetzt wollen alle hören, was der SPD-Mann zur Integration denkt. Oder besser: es so plakativ auf den Punkt bringt. Da ist die Rede von "tickenden Zeitbomben" in sozial entmischten Gebieten. Von Parallelgesellschaften, in der Migranten von der türkischen Hebamme bis zum islamischen Bestatter alles hätten, und in denen "unsere Regeln nichts gelten". Von zur Heirat gezwungenen, eingeflogenen Migrantinnen - "Gebär-Maschinen", deren einziger Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft das Arbeiten in einer Putzkolonne sei. Buschkowsky spricht vom muskelbepackten, BMW-fahrenden Migranten mit Goldkette, der - weil perspektivenlos - in die Fänge der organisierten Kriminalität oder religiöser Eiferer geraten kann.

"Politisches Handeln beginnt mit dem Aussprechen dessen, was ist", sagt er. Die Hand saust auf den Tisch nieder. Die Tasse klirrt. Buschkowsky trinkt Tee. Nicht, weil es schick ist, sondern weil er Magenprobleme hat. Er sieht sich als Mann des Volkes, keine Sonntagsreden, keine politisch korrekten Aussagen. Er zitiert Bundeskanzler Gerhard Schröder, der mehr Integrationswillen gefordert und Parallelgesellschaften eine Absage erteilt habe. Buschkowsky fühlt sich voll auf Parteilinie. "Einziger Unterschied: Ich würze mit Alltags-Beispielen." Davon hat er viele. In Berlins Problemkiez geboren, macht der Diplom-Verwaltungswirt seit 25 Jahren Bezirkspolitik, in wechselnden Positionen. Die Neuköllner Statistik rattert er aus dem Stegreif runter: Von rund 300 000 Bewohnern sind ein Drittel Zuwanderer. 70 Prozent der Migranten-Kinder verlassen die Schule ohne Abschluss, 80 Prozent der jugendlichen Straftäter sind Migranten.

Ärgerlich findet Buschkowsky, dass ihn einige in die Extremisten-Ecke stellen. Berlins Ausländerbeauftragter Günter Piening hat ihm vorgeworfen, er schüre Hass. Buschkowsky kontert, Piening verschließe vor der Realität die Augen. Er sieht den Großteil der Republik hinter sich. Dass auch Parteifreunde seine Äußerungen "verheerend" nennen, tut der SPD-Mann mit "Revierkämpfen" ab. "Keiner hat gesagt: Buschkowsky, du hast Unrecht. Höchstens: So kann man das nicht sagen." Buschkowsky holt einen Ordner voller Dankesschreiben. Eine Sozialarbeiterin hat ihm ein Männchen mit Zylinder gebastelt, "Hut ab vor Ihrer Leistung". Stolz zeigt er seitenlange Briefe, Tenor: Endlich sprichts jemand aus. Selbst eine Notiz von DGB-Chef Michael Sommer ist darunter: "Herzlichen Dank für Ihre Worte." Derart gestärkt, wettert Buschkowsky gegen die "deutsche Leitkultur", die es nicht gebe, fordert wie SPD-Chef Müntefering das Praktizieren der Verfassung. "Das heißt für mich: Mädchen dürfen zum Schwimmunterricht. Keine Zwangsehen, das Wohl des Kindes steht über dem Rollenverständnis des Patriarchen."

30 Jahre verschlafen

Die Kopftücher in Neuköllns Straßen mehrten sich "explosionsartig". Der Druck auf Migranten habe zugenommen. "Ja", sagt er. "Marieluise Beck hat Recht: Deutschland hat bei der Integration 30 Jahre verschlafen." Er fordert eine grundlegend andere Politik: "Es hat keinen Sinn, wenn Migranten-Kinder vormittags in der Schule sind und dann Zuhause alles Gelernte wieder ins Gegenteil verkehrt wird."

Schulen in Brennpunkten müssten für Eltern Anreiz zum Bleiben, nicht Grund zum Wegziehen sein. Buschkowsky plädiert für kleinere Klassen und für Förderklassen. Er will die jungen Migranten für die Werte "unserer Gesellschaft" gewinnen. Ihnen die Chance auf Schulabschluss, Ausbildung, Job geben. Mit der Teilhabe an der Gesamtgesellschaft löse sich die Bindung an die Parallelgesellschaft auf. Am Anfang stehe Sprache. Deshalb fordert er kostenlose Kindertageseinrichtungen in "Problemgebieten".

Buschkowsky wünscht sich auch bessere Nachbarschaften. So zeige das "Quartiersmanagement" in der Rollbergsiedlung in Neuköllns berüchtigtem Norden Erfolge, die Menschen unterstützten sich gegenseitig, identifzierten sich mit ihrem Wohngebiet. Schon 400 Menschen unterschiedlichster Herkunft tragen den Anstecker "Wir sind Rollberger". Gemeinsam bemüht man sich um mehr Grün, Bolzplätze, feiert Feste, das Sicherheitsgefühl ist größer, weil Zweier-Teams regelmäßig durch die Siedlung streifen. Seit 1999 gibt es für mittlerweile 17 Berliner "Gebiete mit besonderem Entwicklungsbedarf" dieses Projekt, das von der Europäischen Union kofinanziert wird. Für den SPD-Mann ein Schritt in die richtige Richtung.

Die Audienz bei Heinz Buschkowsky ist vorbei. 32 Minuten bleiben ihm für seine Spaghetti. Dann hat er den nächsten Termin. Später kommen Journalisten aus Österreich. Auch dort ist Integration derzeit ein heißes Thema.

Quelle: Schwäbische Post, 14.12.2004

 


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