Sie befinden sich hier: Startseite -> Zuwanderung u.a. -> Sachstand 21.11.2004
Berlin (dpa) - Die Bilder der Gewalt zwischen muslimischen Einwanderern und Einheimischen in den Niederlanden haben viele Menschen aufgeschreckt. Können Hass und Gewalt, fragen viele, auch in Deutschland ausbrechen, wo 3,2 Millionen Muslime leben?
Wo tausende Musliminnen Zwangsehen eingehen müssen? "Eine Gefahr durchaus auch bei uns" sieht Bundesinnenminister Otto Schily (SPD). Ins Zentrum der Debatte rückt dabei die Warnung vor einer "Parallelgesellschaft". Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) kritisierte, dass islamistische Hassprediger "mit deutschem Pass hier in ihrer Parallelgesellschaft leben". Man müsse alles daran setzen, um das Entstehen neuer und die Verfestigung vorhandener Parallelgesellschaften zu verhindern, sagt Schily. Gibt es parallel zur Gesellschaft der Mehrheit liegende Welten als potenzielle Brutstätte islamischer Gewalt in Deutschland? Sitzen die Deutschen auf einem "Pulverfass" (CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer>)?
"Parallelgesellschaft ist ein bei weitem unzureichend geklärter Schreckbegriff", hält der Integrationsforscher Klaus J. Bade den Warnern entgegen. Für viele Einheimische habe sich die Einwanderung nach Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten unerwartet entwickelt, sagt der Direktor des Instituts für Migrationsforschung der Universität Osnabrück und einer der führenden Regierungsberater in Migrationsfragen zur dpa. Doch Viertel mit hohem Ausländeranteil, die Vertiefung islamischen Glaubens und mangelnde Deutschkenntnisse mit der Entwicklung einer "Parallelgesellschaft" erklären zu wollen, hält Bade für "gefährlich".
Bis auf wenige Ausnahmen, etwa Teile des Berliner Problemviertels Neukölln, gebe es in den deutschen Städten gar keine "ethnische Homogenität" etwa Türkischstämmiger, sagt Bade. Vor allem aber: "Viele grenzen sich nicht freiwillig von der Mehrheitsgesellschaft ab."
Gerade ein Vergleich mit den Niederlanden zeigt, warum sich islamischer Fundamentalismus entwickeln kann. Dort waren die Unterschiede zwischen Einwanderern und Einheimischen nach Angaben des in Berlin forschenden niederländischen Soziologen Ruud Koopmans über Jahre weit größer als in Deutschland - bezüglich Bildung, Arbeitslosigkeit und Abschottung in den Städten.
Doch die Konjunkturkrise und der massive Arbeitsplatzabbau in der Produktion scheinen sich zunehmend auch in der Bundesrepublik ungut auszuwirken. Nach einer Studie des Essener Zentrums für Türkeistudien ist das Haushaltseinkommen zum Beispiel der Türkischstämmigen in Nordrhein-Westfalen im vergangenen Jahr gesunken - ein Drittel schätzen ihre Situation als "schlecht" ein. Die Zahl der religiösen Türken ist binnen eines Jahres dafür um 14 auf 71 Prozent gestiegen.
Hamburger Forscher fanden bundesweit unter Neuntklässlern heraus, dass nur für 17 Prozent der christlichen Schüler in Deutschland die Religion wichtig ist - aber für 73 Prozent der muslimischen: "Je ausgeprägter die Religiosität, desto niedriger die sprachlich-soziale Integration der Jugendlichen."
Der Islam der meisten deutschen Muslime hat allerdings nichts mit Gewaltpredigern wie Metin Kaplan zu tun, sondern ist oft volkstümlich und friedfertig. Nach Feststellung des Verfassungsschutzes haben sich nur etwa ein Prozent der Muslime in Deutschland islamistischen Organisationen angeschlossen. Hinter dem Angstbegriff Islamismus verbergen sich zudem eher keine Terrorgruppen, sondern vielfältige Strömungen, die in Büchern, einzelnen Moscheen und im Internet an fundamentalistische Ideologien einer besseren Welt stricken.
"Wo muslimische Gruppen sich ausgegrenzt fühlen, von einer Enttäuschung in die andere taumeln und dann von solchen Leuten beeinflusst werden, kann sich Fundamentalismus entwickeln", sagt Forscher Bade. Dass Einwanderer oft in der Nähe von Ihresgleichen wohnen, rühre aber in den allermeisten Fällen eher von der praktischen Solidarität zwischen den Menschen in einer schwierigen Umgebung her. Zu viel Angst vor einer Parallelgesellschaft führe dazu, die Augen vor der komplizierten Wirklichkeit im Einwanderungsland Bundesrepublik zu schließen. "Der Schreckbegriff Parallelgesellschaft", kritisiert Bade deshalb, "beginnt sich zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung in der Öffentlichkeit zu entwickeln."
Quelle:
Offenbacher-Post, 21.11.2004
![]()