Sie befinden sich hier: Startseite -> Zuwanderungsdebatte -> Sachstand 19.07.2004

Schily will Asyllager in Nordafrika

Chef der Hilfsorganisation Cap Anamur räumt Versäumnisse ein

Brüssel/Köln/dpa. Nach dem Streit um das deutsche Flüchtlingsschiff «Cap Anamur» will Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) in Nordafrika Asylbewerberlager einrichten. Dort könnten EU-Beamte die Asylanträge von Flüchtlingen vor ihrer Einreise in die Europäische Union prüfen. Bisher habe er diesen britischen Vorschlag skeptisch gesehen, sagte Schily beim EU-Innenministerrat in Brüssel am Montag. Nach dem Fall der «Cap Anamur» habe er seine Amtskollegen jedoch aufgefordert: «Lass uns das mal an der Stelle ausprobieren.»

Der Chef der Kölner Hilfsorganisation Cap Anamur, Elias Bierdel, räumte bei der Seenot-Rettung von 37 Afrikanern aus dem Mittelmeer unterdessen Versäumnisse ein. Er will sich an diesem Dienstag in Berlin äußern.

Schily erklärte, das neue EU-Mitglied Malta wolle mit Libyen über die Flüchtlingsproblematik im Mittelmeerraum sprechen. Spanien müsse möglicherweise mit Marokko reden. «Ich glaube, dass auch die nordafrikanischen Länder ein Interesse daran haben müssen, dass sich die Sache nicht so entwickelt wie sie sich entwickelt.» Die Lösung könnten Aufnahmelager in Nordafrika sein, in denen Asylbewerber mit Ziel Europa bis zur Entscheidung über ihre Anträge warten müssten. Die Rettung schiffbrüchiger Flüchtlinge aus Seenot bezeichnete Schily als «selbstverständliche Pflicht». Es müsse aber vermieden werden, dass diese Menschen dann automatisch in einen europäischen Hafen gebracht würden.

Bierdel sagte im Deutschlandfunk: «Ich habe Fehler gemacht.» Zum Beispiel habe die Hilfsorganisation zu spät Kontakt mit den italienischen Behörden gesucht. «Das hätten wir viel besser und leichter erreichen können.» Gleichzeitig wies er Vorwürfe zurück, die Aktion sei eine Medieninszenierung gewesen. Bierdel war mit zwei Mitarbeitern der Organisation am vergangenen Freitag nach fünftägiger Untersuchungshaft freigelassen worden. Die italienischen Behörden werfen ihnen Beihilfe zur illegalen Einwanderung vor, weil sie die Afrikaner zum sizilianischen Hafen Porto Empedocle gebracht haben.

Der Kapitän der «Cap Anamur», Stefan Schmidt, sagte den «Lübecker Nachrichten» (Dienstag), er würde immer wieder so handeln. «Ich habe nur getan, was ein Kapitän eines Schiffes machen musste, von Anfang bis zum Ende.» Auch Bierdel könne er keinen Vorwurf machen: «Ich stehe voll zu ihm.»

Bierdel kritisierte Cap-Anamur-Gründer Rupert Neudeck dagegen scharf. «Er gehört zu den ganz wenigen Menschen in Deutschland, die sich auch ohne jede Detailkenntnis selbst zu sehr komplizierten Sachverhalten jederzeit öffentlich äußern dürfen.» Sollte stimmen, was er über Neudeck gelesen habe, dann habe man es möglicherweise mit einem «bizarren Fall von senilem Zynismus» zu tun.

Neudeck selbst sagte auf Anfrage in Köln: «Ich fühle mich nicht angegriffen.» Seine Sorge gelte den Afrikanern, deren Asylgesuche nach Informationen der Nachrichtenagentur ANSA abgelehnt worden sind. 14 seien in ein Flüchtlingslager gebracht worden. Von dort sollen sie abgeschoben werden. Andere hätten Aussicht auf Gewährung von «humanitärem Schutz». Die Männer stammen den Angaben zufolge nicht wie zunächst von ihnen angegeben aus der sudanesischen Krisenprovinz Darfur, sondern aus Nigeria, Niger und Ghana.

Einem Bericht der «Frankfurter Rundschau» (Dienstag) zufolge ertranken 2003 vor Sizilien mindestens 411 Flüchtlinge. Das gehe aus einer Aufstellung des Politologen Paolo Cuttitta von der Universität Palermo hervor, die dem Blatt vorliege. Danach wurden elf Unglücke von Flüchtlingsbooten auf dem Weg nach Italien bekannt, 81 Leichen wurden geborgen und 330 Menschen als vermisst gemeldet.

Quelle: Externer Link Mitteldeutsche Zeitung, 19.07.2004

 


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