"Islamische Gemeinschaft Milli Görüs e. V." (IGMG) - Ende 2002
Bundesinnenminister Otto Schily hat am 13.05.2003 in Berlin gemeinsam mit dem Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Heinz Fromm, den Verfassungsschutzbericht 2002 vorgestellt. Zitat aus der Rede von IM Herr Schily:
- "Mit 30.600 Personen haben die islamistischen Organisationen weiterhin die zahlenmäßig größte Anhängerschaft (2001: 31.950). Die islamistische "Islamische Gemeinschaft Milli Görüs e.V." (IGMG) bleibt - trotz Mitgliederrückgang - hier die mitgliederstärkste Organisation (26.500, 2001: 27.500)."
"Islamische Gemeinschaft Milli Görüs e. V." (IGMG)
- gegründet: 1985 in Köln (als "Vereinigung der neuen Weltsicht in Europa e. V." - AMGT)
- Leitung: Mehmet Sabri ERBAKAN, Vorsitzender bis Oktober 2002
- Mitglieder/Anhänger: ca. 26.500 (2001: ca. 27.500)
- Publikationen: u. a. "Milli Görüs & Perspektive", unregelmäßig
- Unter den islamistischen Organisationen in Deutschland nimmt die
IGMG nicht nur wegen der großen Mitgliederzahl und ihrer zahlreichen, auch in anderen europäischen Ländern
verbreiteten Einrichtungen eine Sonderstellung ein. Im Gegensatz zur Mehrzahl der übrigen
islamistischen Organisationen und Gruppierungen ist für die IGMG
Gewalt kein Mittel zur Durchsetzung ihrer Ziele. Ihre Anhängerschaft
setzt sich im Unterschied zu den meisten anderen islamistischen Organisation auch nicht aus
Flüchtlingen oder Asylbewerbern, sondern
aus dauerhaft in Deutschland lebenden Zuwanderern zusammen. Als
Interessenverband islamistischer Parteien in der Türkei, die dort unter
maßgeblichem Einfluss Prof. Necmettin ERBAKANs standen und stehen, stützt sich die
IGMG auf ein politisches Kräftepotenzial in der
Türkei, das die allmähliche Reislamisierung der türkischen Gesellschaft und darauf aufbauend
die Umbildung des laizistischen türkischen Staats- und Regierungssystems
im Sinne einer
islamischen Gerechten Ordnung
unter Ausschöpfung aller legalen Mittel anstrebt.
- An dieser Vorgehensweise orientiert sich die IGMG auch in Bezug auf
ihre Aktivitäten in Deutschland. Ihr Ziel ist, den Anhängern auch hier
ein Scharia-konformes Leben zu ermöglichen. Zu diesem Zweck bemüht sie sich,
u. a. durch die Mitarbeit in muslimischen Dachverbänden wie dem Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland, um
Anerkennung als legitime Vertretung der türkischen Muslime im politischen
Raum und als Ansprechpartner für staatliche Stellen. Zur Verbreitung
ihrer Ideologie und zur Vergrößerung ihres Anhängerpotenzials bedient sie sich der
traditionellen Instrumente des türkischen Islamismus
wie der Nutzung von Printmedien und des erzieherischen Engagements in
der Kinder- und Jugendarbeit.
- Ideologisch und personell eng
verbunden mit den in der Türkei verbotenen islamistischen Parteien
"efah-Partisi" ("Wohlfahrtsparteiin" - RP) und nachfolgend -Fazilet-
Partisiie ("Tugendpartei" - FP) sah und sieht die IGMG ihre Aufgabe in
der Verbreitung der islamistisch-nationalistischen "Milli-Görüsin" (national-religiöse Sicht)-Ideologie unter den türkischen Migranten in
Deutschland. So stellte sich die IGMG nach dem Verbot der FP eindeutig
an die Seite der im Juni 2001 gegründeten "Saadet-Partisiin"
("Partei der Glückseligkeit" - SP), für die die "Milli-Görüsil-Ideologie"
unverändert verbindlich geblieben ist und die sich offen zu der von
Necmettin ERBAKAN entwickelten Variante des türkischen politisch
organisierten Islamismus bekennt. Im Unterschied zur ebenfalls im
Jahr 2001 aus der FP hervorgegangenen "Gerechtigkeits- und Ent-
wicklungspartei" (AKP) unter Führung Recep Tayyip Erdogans, die
sich als eine islamisch geprägte konservative Partei beschreibt, bleibt
das Ziel der SP die Abschaffung des Laizismus in der Türkei und die
Einführung einer auf das islamische Recht (Scharia) gegründeten Lebens- und Gesellschaftsordnung.
So erklärte der SP-Vorsitzende Recai KUTAN anlässlich einer öffent-
lichen Ansprache in Ankara, die SP sei die "Wurzel und der Stamm
der auf das islamische Gesetz (Scharia) gegründeten Milli Görüs
[-Bewegung]". Darüber hinaus erklärte er:
"Die Moral und die Welt des Ideellen sind unsere Fahne. Denn wir als
Partei haben uns nicht auf den Weg gemacht, um uns zu verändern,
sondern um das gestörte System zu verändern. Der Weg zur Rettung
führt über eine Milli-Görüs-Regierung."
("Milli Gazete" vom 26. Februar 2002, S. 2)
- Die IGMG versteht Necmettin ERBAKAN nach wie vor als ihren geistigen Führer.
Neben führenden SP-Abgeordneten trat Necmettin
ERBAKAN auch im vergangenen Jahr bei IGMG-Veranstaltungen als
Gastredner auf oder wurde über Satellit zugeschaltet. So war er bei
der Generalversammlung der IGMG unter dem Motto -Tag der Brüderlichkeit und
Solidaritätim am 15. Juni in Arnheim (Niederlande) anwesend.
An der Veranstaltung nahmen etwa 23.000 Besucher aus
Deutschland, den westeuropäischen Nachbarländern sowie der
Türkei teil.
- Im Vorfeld der Parlamentswahlen in der Türkei am 3. November be-
trieb die IGMG intensive Wahlwerbung für die SP und organisierte
Reisen zur Stimmabgabe. Auf einer Versammlung der IGMG in Paris
forderte der damalige Vorsitzende der Organisation Mehmet Sabri
ERBAKAN die Mitglieder auf, für die SP zu arbeiten. Ein weiterer
Funktionär führte aus, in der Türkei habe "der Jihad" begonnen; daher
sei es notwendig, die SP zu unterstützen, und es sei eine religiöse
Pflicht, sie zu wählen. Das auch nach den Wahlen beibehaltene
Engagement der IGMG für die SP steht im Widerspruch zu dem offi-
ziell verbreiteten Image, die Organisation sei eine ausschließlich religiös-kulturelle Gemeinschaft.
- Die SP konnte bei den Parlamentswahlen nur 2,5 % der abgegebenen Stimmen erreichen.
Dieser Rückschlag und die gleichzeitigen
Erfolge der AKP (ca. 34 % der Stimmen) verstärkten Debatten unter
Mitgliedern und auch Funktionären der IGMG über die künftige Linie
der Organisation. Die Einnahmen aus Spenden gingen zurück. Auch
die Zahl der Mitglieder verringerte sich leicht.
Dennoch blieb die IGMG mit ca. 26.500 Mitgliedern die größte islamistische Organisation
in Deutschland, die nach wie vor aufgrund ihrer weit gestreuten Einrichtungen und vielfältigen Angebote auch
noch einen wesentlich größeren Personenkreis erreichen kann. Nach
eigenen Angaben verfügt die IGMG europaweit über 210.000 Mitglie-
der und unterhält 740 Moscheevereine; in Deutschland soll es sich
um rund 500 Beträume und Moscheen handeln. Für die Verwaltung
des umfangreichen Immobilienbesitzes ist seit 1995 die "Europäische
Moscheebau- und Unterstützungsgemeinschaft e. V." (EMUG) zu-
ständig.
- Auf der Leitungsebene der IGMG ergaben sich im Jahr 2002 personelle Veränderungen. Im
Februar wurde der IGMG-Funktionär Oguz
ÜCÜNCÜ zum neuen Generalsekretär ernannt. Er trat die Nachfolge
von Ali KIZILKAYA an, der im Januar Vorsitzender des islamischen
Dachverbands Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland wurde.
Ohne Vorankündigung oder größere organisationsinterne Debatten
trat im Oktober der bisherige IGMG-Vorsitzende Mehmet Sabri
ERBAKAN von seinem Amt zurück. Als offizielle Begründung wurden
gesundheitliche Probleme angegeben. Türkische Medien spekulierten
dagegen, ERBAKAN habe diesen Schritt auf Druck IGMG-interner
Kreise vollziehen müssen. Yavuz Celik KARAHAN wurde mit der
kommissarischen Leitung der Organisation betraut.
- "Milli Gazete" Formal von der IGMG unabhängig, spielt die türkische Tageszeitung
"Milli Gazete" (Nationale Zeitung) für die Verbreitung von IGMG-nahen
Positionen in Artikeln und Kolumnen und als Anzeigenblatt der
Organisation weiterhin eine wichtige Rolle. Nach wie vor wird bei
IGMG-Veranstaltungen im In- und Ausland für das Abonnement der
Zeitung geworben. Bücher einiger Kolumnisten der "Milli Gazete"
konnten bis vor kurzem über den Buchkatalog der IGMG bezogen
werden. In der Zeitung erscheinen Beiträge des Kolumnisten Mehmet Sevket
EYGI, der die den türkischen Islamismus kennzeichnenden antisemitischen
Verschwörungstheorien popularisiert:
"In unserem Land gibt es zwei Sorten Menschen. Auf der sichtbaren
Seite sehen sie aus wie Muslime und Türken. Auf der Rückseite der
Medaille sind es Juden. Sie bringen ihre eigenen inkompetenten Personen
in die wichtigsten Ämter und Stellen und vergreifen sich an den
Einkünften der Türkei ... Verdammt seien sie."
("Milli Gazete" vom 25./26. Mai 2002, S. 4)
Zudem spricht sich EYGI gegen jede Reform des Islam und für die
uneingeschränkte Gültigkeit der Scharia aus:
"Der Begriff Reform ist einer der gottlosesten Begriffe der heutigen
Zeit. Der islamische Glaube wird bis in alle Ewigkeit in der Form, wie
ihn Mohammed empfangen hat, die einzige gültige Religion sein ...
Die Wünsche nach Reformen und Änderungen sind heidnisch, pervers
und ein Irrtum ... Fester Glaube in der heutigen Zeit bedeutet, die
Bestimmungen der Scharia und der islamischen Rechtswissenschaft
in ihrer Urform zu schützen und anzuerkennen."
("Milli Gazete" vom 22. Juli 2002, S. 4)
- Die IGMG blieb im Bereich der Sozial- und Jugendarbeit aktiv und hat
für die Unterrichtsplanung sowie die Gestaltung und Inhalte der Bildungsangebote
im Jahr 2002 ein neues einheitliches System für alle
ihre Gemeinden erarbeitet. Die Organisation versucht, junge Muslime
über ein breites Freizeitangebot, Hausaufgabenbetreuung und die
Ausschreibung von Wissenswettbewerben an sich heranzuführen und
zu binden. Als erzieherische Maxime gilt dabei, dass die "ausschweifende"
Lebensweise der deutschen Gesellschaft den vermeintlich "islamischen"
Werten und Normen zuwiderlaufe und dazu verführe, vom
rechten Weg abzukommen.
- Quelle: Bundesamt für Verfassungsschutz
Das könnte Sie auch interessieren: