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Vernetzung der Dinge

Fast alle Gegenstände werden künftig einen Funkchip tragen: Waren im Supermarkt, Reisepässe, Bücher, Autos und Spielkarten

von Norbert Lossau

St. Gallen/Neuss - Das Internet hat unser Leben verändert. Elektronische Briefe erreichen ihre Empfänger überall auf der Welt innerhalb von Sekunden. Informationen aller Art sind im World Wide Web verfügbar - vom Lexikonwissen bis hin zur Flugverbindung. Und Online-Shopping ist bereits für viele eine Selbstverständlichkeit. Doch die eigentliche Revolution steht uns noch bevor.

"Das Internet wird in die reale Welt verlängert", sagt Professor Elgar Fleisch von der Universität St. Gallen bereits für die nahe Zukunft voraus. Er meint damit eine Vernetzung von Gegenständen mit Informationen. Konkret: Objekte aller Art werden mit winzigen Funkchips ausgestattet, in denen sich digitale Daten speichern und berührungslos auslesen lassen.

Schon heute ist diese Technologie der RFID-Chips (Radio Frequency Identification) weit verbreitet. Hausausweise vieler Firmen enthalten solche Chips. Deren Daten lassen sich von Scannern auslesen und so Zugangsberechtigungen prüfen. Auch in manchen Bädern und Fitneß-Centern werden Spindtüren nach diesem Prinzip elektronisch verriegelt und wieder geöffnet. Und weil sich bei manchen Chips die in ihnen gespeicherten Daten mit speziellen Lesegeräten auch verändern lassen, kann diese Technologie auch zum bargeldlosen Bezahlen genutzt werden - zum Beispiel in der Kantine. Andere Anwendungsbeispiele sind Autoreifen, die mit RFID-Chips ihren Luftdruck an den Fahrer melden und vor zu niedrigen oder zu hohen Werten warnen. Oder Bücher in Bibliotheken, die sich dank integrierter Chips auch dann wieder auffinden lassen, wenn sie falsch einsortiert sind. Seit November 2005 werden deutsche Reisepässe mit Funkchips ausgestattet, in denen biometrische Daten gespeichert werden.

Schon seit einigen Jahren werden im Handel Paletten mit RFID-Chips ausgestattet, um die Warenlogistik zu vereinfachen. Derzeit sind die Chips mit einem Stückpreis von rund 15 Cent noch zu teuer, um einzelne Produkte zu kennzeichnen. Doch ist es nur eine Frage der Zeit, bis kleine Chips die heutigen Strichcodes auf den Waren ersetzen werden. "Für die Kennzeichnung einzelner Produkte darf der Tag nicht teurer als ein Cent sein", erläutert Gerd Wolfram, Geschäftsführer der Metro Group Information Technologie GmbH. Der Handelskonzern Metro ist neben Wal-Mart einer der großen Motoren bei der Einführung der RFID-Technologie. Insgesamt nutzen heute bereits mehr als 700 Firmen elektronische Produktcodes, davon 64 Prozent in Nordamerika. In einem großen Warenlager in Neuss betreibt die Metro das erste RFID-Testcenter Europas. Weltweit gibt es nur drei vergleichbare Forschungseinrichtungen - davon zwei in den USA, eine in Asien. In einer elektromagnetisch abgeschirmten Meßkammer wird hier etwa getestet, wie gut sich die in den Chips gespeicherten Daten von Scannern auslesen lassen. Diese senden ein Radiosignal, das dann von den RFID-Chips mit den gespeicherten Daten huckepack zurückgeschickt wird. Zwar erlauben die gesetzlichen Rahmenbedingungen in Europa neuerdings RFID-Scanner mit einer Sendeleistung von zwei Watt - bislang waren es nur 0,5 Watt -, doch auch damit gelingt das Auslesen der Warenetiketten noch nicht immer fehlerfrei. Problemfälle sind alle Artikel mit einer metallischen Verpackung sowie Getränke. Wasser und Metall absorbieren die zum Auslesen der Chips benötigte Strahlung. Doch Experten gehen davon aus, daß sich diese Probleme in naher Zukunft lösen lassen.

Im Neusser Testcenter ist auch der Prototyp eines Supermarkts der Zukunft aufgebaut. Wer hier aus bestimmten Promotion-Regalen ein Produkt greift - was ein Computer dank des Chips an der Ware sofort merkt -, erhält auf einem Display weitere Informationen und Empfehlungen, welches Produkt denn gut zu der gegriffenen Ware passen würde. An der Kasse kann der Kunde dank RFID-Chips die Produkte selbst erfassen und per Kreditkarte bezahlen. Bereits seit April 2004 gibt es eine Extramarkt-Filiale in Rheinsberg als "Future Store" mit RFID-Technik und Selbstzahlerkassen. Demonstriert wird in Neuss auch ein Kühlschrank, der dank Chiptechnik erkennt, wenn die Haltbarkeitsgrenze von Lebensmitteln überschritten ist.

Welch große Bedeutung die Metro der neuen Technologie zur Kennzeichnung von Waren beimißt, läßt sich daran festmachen, daß der Handelskonzern im März erstmals auf der Computermesse Cebit in Hannover als Aussteller vertreten sein wird. Schon heute nutzt der Konzern an 22 Standorten in Deutschland die RFID-Technik zur Warenlogistik. Durch die sekundenschnelle, automatische Erfassung von Produktdaten sollen sich, so die Prognose, allein bei Metro 8,5 Millionen Euro einsparen lassen. Als die vor 25 Jahren am MIT in Boston entwickelten Strichcodes eingeführt wurden, war die Kosteneinsparung im Handel sogar noch sechsmal größer ausgefallen, als es die Experten vorhergesagt hatten.

Da es immer wieder kritische Stimmen von Datenschützern gibt, ist bislang noch nicht klar, ob die Chips an den Waren nach dem Einkauf noch eine Funktion haben sollen oder dürfen. Die Haltbarkeitswarnung des Kühlschranks funktioniert natürlich nur mit einem intakten Chip, ebenso wie eine denkbare Waschmaschine, die automatisch erkennt, bei welcher Temperatur ein Kleidungsstück gewaschen werden sollte. Im Neusser Labor ist für alle Fälle schon mal ein elektronischer Deaktivator zu bewundern, mit dem der datensensible Kunde am Ausgang die Informationen in den Warenchips eigenhändig löschen kann.

Funkchips erschließen noch ganz andere Anwendungen. In den USA bietet Progressive Insurance bereits eine risikoabhängige Versicherung an. Je nach tatsächlich gefahrener Strecke und dem damit verbundenen Risiko berechnet sich die Prämie. Professor Fleisch berichtet, daß dieses Versicherungsmodell besonders von jungen Frauen akzeptiert wird.

Schon heute nutzen Skipässe und Lifttickets RFID-Chips. Doch auch in der Welt der Gesellschafts- und Kartenspiele werden Funkchips bald eine Rolle spielen. So sind etwa Spielkarten mit integrierten Chips geplant, auf denen der Kartenwert gespeichert ist. Nach einem Skat- oder Doppelkopfspiel erübrigt sich dann das bisweilen lästige Zählen der Punkte: Mit einem Scanner läßt sich der Punktwert eines ganzen Kartenstapels erfassen. Allerdings drohen mit dieser Technik wohl auch neue Möglichkeiten für Falschspieler. Lassen wir uns überraschen.

Quelle: Extern DIE_WELT.de, 30.01.2005

 

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