Sie befinden sich hier: Startseite -> Stichworte -> Sachstand/Ausblick der Biometrie -> Sachstand 02.06.2005

Biometrische Pässe sind unsicherer, als Schily behauptet

MARIANNE QUOIRIN

Der mit biometrischen Merkmalen versehene Reisepass, den Bundesinnenminister Otto Schily gestern so stolz präsentierte, gaukelt Sicherheit nach Meinung von Datenschützern nur vor: Bei der Gesichtserkennung, die zur Zeit am Frankfurter Flughafen getestet wird, liegt die Fehlerquote bei 20 Prozent. Bei Fingerabdrücken steigt sie gar auf 30 Prozent, wie ein Versuch mit 10 000 Freiwilligen in Großbritannien ergeben hat, obwohl diese Verifizierungsmethode bisher als erheblich sicherer angesehen wurde. Das miserable Ergebnis wurde aber erst zutage gefördert, als US-Sicherheitsbehörden Interesse an Mikrochip und Technologie zeigten. Denn sie wollen, dass die europäischen Systeme mit denen der USA kompatibel sind. Deutsche IT-Spezialisten der Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass die Daten aus Großbritannien auf die Bundesrepublik übertragbar sind.

Peter Schaar, Bundesbeauftragter für den Datenschutz, hatte schon im April vor der Technologie gewarnt, die keine Sicherheit garantieren könne. Ein weiterer Kritiker, der Dresdner Informatikprofessor Andreas Pfitzmann, durfte auf dem 9. IT-Sicherheitskongress des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) im Mai nicht über die Risiken von Biometrie-Anwendungen referieren. Der Lehrstuhlinhaber war nach seinen Angaben kurzfristig ausgeladen worden, weil Schily nichts Kritisches über die Biometrie-Pässe hören wollte. Das BSI ist dem Innenministerium unterstellt.

Pfitzmann argumentiert, dass biometrische Sicherheitstechnologien allenfalls in Ansätzen vorhanden seien, die Anfälligkeit für Fehler in den schon verbreiteten Systemen entgegen allen Ankündigungen noch zugenommen habe. Pfitzmann erinnert an die Erfahrungen, die ein Münchner Weltkonzern mit seiner als sicher angepriesenen Chipkarte samt biometrischer Erkennung von Fingerabdrücken machte. In einem Camp des "Computer Communications Club" fanden einige Teilnehmer bald heraus, dass der Chip den Originalfingerabdruck nicht von einem Flüssigkeitsheftpflaster unterscheiden konnte, auf das das Fingerprofil zuvor mit Hilfe eines einfachen Wachsabdruckes übertragen worden war.

Die Auffassung des obersten deutschen Datenschützers Schaar, dass die europäischen Systeme noch nicht ausgereift seien, scheinen inzwischen auch die Amerikaner zu teilen. Sie empfehlen britischen Bürgern, sich vor ihren Reisen in die USA dem Extern "Trusted Traveller" Schema  anzuvertrauen. Sie sollen detaillierte Angaben an die US-Botschaft liefern, nach deren Überprüfung unverdächtigen Reisenden bei der Einreise eine Express-Abfertigung garantiert wird.

Ein groß angelegter Modell-Versuch startet im Herbst in den Niederlanden. Aber auch in allen übrigen 26 Ländern, deren Bürger kein Visum für die USA brauchen, soll diese Möglichkeit eingeführt werden - selbst dann, wenn die Reisenden über Pässe mit biometrischen Daten verfügen.

MARIANNE QUOIRIN

Quelle: Extern Kölner Stadtanzeiger, 02.06.2005

 

Dies könnte Sie auch interessieren:

 

[ Biometrie - Sachstand und Ausblick ]

 

 

 

[ Inhaltsverzeichnis ] | [ Startseite ]

Falls ein Link nicht funktioniert sind wir für eine   kurze Nachricht   dankbar.

bobby proved